«2000 Watt-Gesellschaft» Allheilmittel oder Hokus Pokus?

Thesen:

1. Für die Klimapolitik ist gar nicht der Energieverbrauch per se entscheidend – entscheidend sind allein die den diversen Energieträgern zurechenbaren THG- Emissionen

Der Primärenergie-Verbrauch und das Einhalten einer bestimmten Dauerleistung pro Kopf (wie z.B. die willkürlich festgelegten 2000 Watt pro Kopf) haben überhaupt keinen direkten Einfluss auf das Klima. Entscheidend sind alleine die Emissionen, die einem bestimmten Primärenergieträger zuzurechnen sind resp. die gezielte Reduktion der Treibhausgase, insbesondere von Kohlendioxid (CO2).

2. Die 2000 Watt-Gesellschaft ist nicht wünschbar - Sie bringt sozialen Rückschritt und Rationierung.

Schon im Februar 2008 hat das Energy Science Center (ESC) der ETH in ihrer Schrift ‚Energiestrategie für die ETH Zürich‘ auf Seite 5 folgendes festgehalten: «Der Primärenergiebedarf wird im Energiesystem gegen Ende des 21. Jahrhundert zwischen 4000 und 6000 Watt/Kopf betragen. Das genaue Mass hängt nebst der erzielten Steigerung der Energieeffizienz auch vom Mix der CO2-freien Primärenergieträger ab, mit welchen Elektrizität erzeugt wird  .. . (Wasser, Kernenergie, neue Erneuerbare, Fossile) Für die Schweiz ist somit sehr wichtig, ob der Strom weiterhin zur Hauptsache mittels Wasserkraft und Kernkraft erzeugt werden kann. ... Zwingend einzuhalten [wäre] jedoch die Limite für die Treibhausgasemissionen von 1 Tonne CO2/Kopf».

3. Klima- und Energiepolitik ist Sache des Bundes und der Kantone – nicht der Gemeinden

Der Stadt Zug ist es jetzt und in Zukunft  unmöglich, das notwendige Zahlenmaterial zum durchschnittlichen Energieverbrauch/Kopf seriös aufzubereiten – es sind nur nebulöse Schätzungen und Hochrechnungen möglich.

Statt Klima- und Energiepolitik zu machen, die gar nicht in den Aufgabenkreis der Stadt gehört und sinnvollerweise auf höherer Ebene festgelegt wird, sollten die Stadt Zug besser für eine optimale Bauordnung, energieoptimierte Gebäudenutzung und –unterhalt und eine vernünftige Verkehrsordnung etc. sorgen.

Zudem: Die 2000-Watt-Strategie knüpft am Primärenergieverbrauch an, nicht am Endenergieverbrauch (wichtig beim Strom!)

Beurteilung

Das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft...

...ist nicht sinnvoll (ETH) und nicht zielführend

«Eine konkrete Zahl für den zulässige Primärenergiebedarf als strategisches Ziel anzugeben, hält das ESC der ETH nicht für sinnvoll … » (Seite ,6 Energiestrategie der ETH). Hochgerechnet auf ein ganzes Jahr gestattet das Konzept der 2000 Watt Gesellschaft einen Primärenergieverbrauch von 17‘520 Kilowattstunden/Kopf. Das Konzept lässt somit einen maximalen Verbrauch von flüssigen Brenn- und Treibstoffen in der Grössenordnung von 1‘700 Liter Öl zu (1 Liter Öl = 10 kWh Energie). Der Konsum dieser Menge Öl führt zu ungefähr 4,7 t CO2-Emissionen (1 l Öl = ca. 2,7 kg CO2). Bereits heute liegt die CO2-Emission in der Schweiz unter 5,5 t/Kopf. Das Ziel der CO2-Reduktion in etwa 100 Jahren liegt aber bei ca. 1 t/Kopf.

...ist unehrlich und irreführend

unehrlich: Man versucht etwas zu verschleiern, statt klar und offen zu fordern. Konkret bedeutet die 2000 Watt-Gesellschaft, dass der Bürger durchschnittlich 70% des heutigen  Energiekonsums einsparen soll. Es stellt sich die Frage: Wo soll nun reduziert werden:
Wirtschaft/Arbeitsplatz ↔ Privatbereich ?

irreführend: Im Alltag wird der Stromverbrauch von den Stromlieferanten normalerweise in Watt(stunden) oder Kilowatt(stunden) in Rechnung gestellt. Öl, Benzin etc. wird in Litern gemessen, Gas in m3 und Kohle etc. in Kilogramm resp. Tonnen. Deshalb meinen die meisten Leute beim Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft handle es sich um eine Strategie zur Reduktion des Stromverbrauchs. Tatsächlich wird der Stromverbrauch aber tendenziell zunehmen, wenn die CO2-Emissionen gesenkt werden sollen (Wärmepumpen, Elektromobilität etc.).

...setzt seltsamerweise bei der Dauerlast an

Es ist eine Erfahrung, die jeder Mensch laufend macht: Sein Energiebedarf ist stark schwankend zwischen fast 0 Watt bis einigen Zehntausend Watt (Bsp. 1 h Autofahrt 100 km, Eco-Auto 5 L Benzin = 50'000 Watt)

Eine Konstante des Energiekonsums ist also, dass er höchst unregelmässig erfolgt (Tag/Nacht, Arbeitstage/arbeitsfreie Tage, Sommer/Winter, etc.). Eine Konstante der Energieproduktion bei den erneuerbaren Energieträgern ist ebenfalls, dass sie höchst unregelmässig erfolgt (Tag/Nacht, viel Wasseraufkommen/wenig Wasseraufkommen, Sonne/keine Sonne, Wind/kein Wind).

Die Kunst der Energieversorgung und insbesondere der Stromversorgung ist es, diese Produktions- und Verbrauchsspitzen optimal zu koordinieren. Je grösser der Anteil der erneuerbaren Energiequellen beim Strom wird, umso schwieriger wird diese Aufgabe!

...wird von der ETH abgelehnt

Das vor Jahren von einem ehemaligen Professor der ETH und der Firma Novatlantis entwickelte Konzept gilt als verwirrend und überholt. Es wird heute von der ETH-Leitung selbst klar abgelehnt. Sowohl die Fachleute wie Prof. Boulouchos vom Energy Science Center der ETH (ESC), die frühere Generalsekretärin des ESC, Claudia Casciaro, Prof. Püsbök von der ETH Lausanne als auch der ETH-Präsident, Prof. Eichler lehnen diesen Ansatz ab.

...ist eine schweizerische Seldwylerei

Die 2000 Watt Gesellschaft steht nirgendwo sonst auf der Welt zur Diskussion, weil bisher niemand auf die ziemlich abstruse Idee gekommen ist, die Klima- und Energiepolitik an einer Kennzahl „aufzuhängen“, die sich auf eine Dauerlast beim Primärenergieverbrauch abstützt.

Empfehlung

Das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft muss abgelehnt werden, da es weder klima- noch energiepolitisch zielführend ist.